„Hatten Sie schon mal mit Drogen zu tun?“ – Über die Performance auf Asphalt

julian Kontent 2016

„Hatten Sie schon mal mit Drogen zu tun?“ – Über die Performance auf Asphalt

Über die Autoren

Fabian Stark vom TONIC Magazin leitete den Kulturjournalismus-Workshop auf dem Fuchsbau, Richard Diesing (Ruhrbarone, Jungle World) und Marius Hasenheit (transform, der Freitag) nahmen dran teil.

Das Mittel • Report 21.09.2016

„Führerschein und Fahrzeugpapiere bitte“, fordert Polizist Rainer Schenk* den jungen Mann am Steuer auf. „Bitte aussteigen.“

Auf der Zufahrtsstraße wenige Hundert Meter vorm Fuchsbau Festival wird ein Stück aufgeführt. Das Ensemble: Polizei und Festival-Besucher*innen. Der Titel: Polizeikontrolle. Nervosität davor, Strafe oder Erleichterung danach – eine Passage ins Ungewisse. Keine*n stört, dass sich in dieser Situation niemand natürlich verhält. Es soll gar geflunkert werden. Hat das Kunst- und Unterhaltungsprogramm also schon vor dem Festival begonnen, außerhalb des Timetables, subversiv performt vor den Toren des Fuchsbaus?

Max, der Fahrer, steigt aus. Der bärtige Mittzwanziger zupft an seiner Kleidung – jetzt bloß seriös aussehen –, und stellt sich vor die Motorhaube des Autos seiner Eltern. Polizist Schenk bittet die Augen zu schließen. Nach einigen Sekunden öffnet Max sie wieder, der Polizist fordert auf: „Folgen Sie dem Stift mit Ihren Augen“. Nach ein paar Mal links, ein paar Mal rechts folgt der letzte Testakt: Beine zusammen, Kopf in den Nacken, Augen schließen. Nach 30 Sekunden soll Max Stopp sagen. Er gehorcht – und hört fünf Sekunden zu früh auf. „Das ist noch im Rahmen“, sagt der Polizist, „einen schönen Tag noch“. Max wünscht zurück und fährt weiter. Die Tests haben einen Sinn, so Schenk. Beim letzten achten die Polizist*innen zum Beispiel auch „auf die Augenlider, gucken, ob die Gesichtsmuskeln zittern“.

War das nun 1 Performance oder nur 1 Maßnahme für die allgemeine Sicherheit? Sehen wir mal, was Fuchsbau-Leute sagen.

Thomas Bartling, der auf dem Festival Wahrheit oder Pflicht performte, meint: „Performance ist immer gleichzeitig vollzogene Kunstaktion und reale Handlung. So hat sie bestenfalls Einfluss auf beides, Kunst und Nicht-Kunst.“

Die Frage „Hatten Sie schon einmal mit Drogen zu tun?“ hört jeder und jede Fahrer*in.

Zwar hätten so gut wie alle schon mal mit Drogen zu tun gehabt, lacht der Beamte Schenk. „Aber es ist ein Unterschied, ob man es vor einer Woche oder vor zehn Jahren gemacht hat.“ Wenn der oder die Fahrer*in so dusslig ist und zugibt, in der letzten Zeit Drogen genommen zu haben, würde dies im Zweifel geahndet. Die Frage nach den Drogen ist damit ein performativer Sprechakt nach John L. Austin, ein Beispiel für ‚How to do things with Words‘: Auch wenn man nie welche nehmen würde, ist die Frage, ob man „mit Drogen zu tun“ gehabt habe, schließlich fast immer zu bejahen. Die Frage dennoch mit Nein zu beantworten, bewahrt eine*n nicht vor der Kontrolle, sondern äußert nur den Unwillen, sich voll auf sie einzulassen. Ein Ja hingegen katapultiert eine*n in die ungestüme Teilnahme an der Performance – womöglich mit Effekt aufs polizeiliche Führungszeugnis.

Annett Jarewski leitet das Theaterprogramm des Fuchsbau Festivals und studiert in Amsterdam Regie: „Eine Performance ist eine Handlung, bei der jemand zuguckt. Doch auch diese Regel kann man brechen und behaupten: Das, was ich tue, oder das, was ich sehe, ist eine Performance. Irgendwer muss also den Rahmen des Geschehens definieren.“

Den Rahmen der Verkehrskontrollen setzen Politik, Polizei und Gesellschaft: „Es ist halt schon auch eine konservative Gegend. Die Verwaltung und die Politik wollen hier vielleicht auch die Leute beschwichtigen“, sagt Anna, eine Festivalbesucherin. Der Test selbst, so betont Polizei-Einsatzleiter Sebastian Kindler, sei freiwillig. Soweit nicht auf Drogen- oder Alkoholkonsum hinweist, könne man weiterfahren – auch ohne Koordinationstest. Festivalbesucher Max aber fragt, was genau daran freiwillig ist: „Hätte ich den Spaß mit dem Zählen verweigert, hätte ich doch einen Pinkeltest machen müssen“ (Anm.d. Red.: Auch die Urinprobe ist rechtlich nicht verpflichtend.). Die Zuschauer*innen werden aktiv in das Geschehen eingebunden, ihre Freiwilligkeit dabei vonseiten der Polizei performativ behauptet, vonseiten der Kontrollierten bestritten und praktisch ausgehandelt in einem Machtgefüge zwischen Exekutive und Bürger*innen.

Fuchsbau-Performer Thomas sagt dann auch, er spiele Wahrheit oder Pflicht nicht für oder mit, sondern „gegen das Publikum“. Ein weiteres Indiz dafür, dass die Kontrollen als Performance zu betrachten sind?

Das nächste Auto wird herausgewunken. Diesmal läuft der Test allerdings nicht reibungslos. Es gibt Anzeichen, dass der Getestete unter Alkohol- oder Drogeneinfluss stehe. „Das kann aber auch daran liegen, dass sie schlecht geschlafen haben, viel Kaffee getrunken oder Ähnliches“, sagt Polizist Schenk. Zur Sicherheit nimmt er eine Urinprobe. „Fünf bis sechs Tropfen sollten es schon mindestens sein“, so die Anweisung des Polizisten. Der Test ist negativ, der Mann – entnervt und erleichtert – kann weiterfahren.

Annett vom Fuchsbau-Team meint, es gebe auch latente Performances: „Da setze ich die Voraussetzungen dafür, dass etwas passiert. Zum Beispiel, wenn ich ein Stück Papier auf die Straße lege und warte, bis es jemand aufhebt. Der Ausgang ist offen.“ Thomas von Wahrheit oder Pflicht: „Spannend wird es für mich, wenn Unsicherheiten in beiden Feldern entstehen. Also wenn die Konventionen der Kunst und der Nicht-Kunst (Alltag, etc.) Irritationen erleben und so verhandelbar werden. Theoretisch könnten gefakte Polizeikontrollen also eine Form von Performance bzw. künstlerischer Agitation sein.“

Gefakt waren dieses Jahr keine Kontrollen, aber ein Genital. Ein Festival-Besucher irritierte so mit recht hohem Aufwand die Konventionen der Nicht-Kunst – die Hannoversche Allgemeine berichtete:

„Mann schummelt bei Urinprobe (…) Der 34-Jährige fiel der Polizei am Sonntagabend bei der Abreise vom Festivalgelände bei Immensen auf. Der Mann habe „augenscheinlich unter Drogeneinfluss“ gestanden, heißt es in einer Mitteilung der Polizei. Letzte Sicherheit darüber sollte die Urinprobe geben. Doch was der Festivalbesucher dann in den polizeilichen Flüssigkeitsbehälter laufen ließ, war offenbar schon lange zuvor vorsorglich abgefüllt worden – und zwar in die täuschend echte Attrappe eines Penis.“

Das Publikum, für oder gegen welches die Polizeikontrollen spielen, versucht also mitunter taktisch den Ausgang der Performance zu beeinflussen. Laut Schenk seien auch die Bedingungen zur wiederaufgeführten Performance trotz aller Konstanten hybrid und verhandelbar: „Wir haben keine festgelegten Kriterien, nach denen wir Leute herausziehen. Aber wir haben schon so unsere Erfahrungswerte.“ Schenks Blick fällt auf das nächste Auto. „Mietwagen sind schon immer etwas verdächtig. Damit wird viel Mist gebaut“. Ob es auch eine Rolle spielt, dass die beiden Fahrer jung, bärtig und etwas bunt angezogen sind, vermag er nicht zu sagen. „Also das letzte Mal beim Zytanien-Festival haben wir auch eine Fünfzigjährige mit Drogen erwischt“, betont der junge Polizist.

Nun passieren zwei berittene Polizistinnen den Kontrollpunkt. Und nach dem Festival das Resümee: In 400 kontrollierten Autos saßen dieses Jahr zwölf Fahrer*innen unter Drogen- und eine*r unter Alkoholeinfluss. 13 führten zudem Drogen mit sich und verstießen gegen das Betäubungsmittelgesetz. Ist es dieser Aufwand wert? Und wenn er für die Kunst zu rechtfertigen wäre, spielt es dann nicht auch eine Rolle, ob sich die Beteiligten über den performativen Charakter ihres Tuns bewusst sind?

Katarzyna Borelowska und Adam Łuczak irritierten mit ihrer fingierten Vermisstenanzeige nach Lola das Fuchsbau Festival 2016. Adam meint, Lola habe das Publikum zu Peformer*innen und sie selbst zu Zuschauer*innen gemacht: „There is this weird moment when a performance blends with the reality because the roles are shifted – suddenly it was Kasia and I who became the public of what was being performed by people around the festival. In this sense, they were performing Lola and we were consciously watching.“ Das Bewusstsein darüber, ob etwas nun Performance ist oder nicht, entscheidet also, wie geguckt wird und nach welchen Kriterien.

„For me performance starts when the consciousness of it appears. In this sense 1) you can brush your teeth as a daily routine or 2) you can brush your teeth as a meaning of a daily routine. In the first situation the meaning is not performed, so the situation is blended within the reality, it’s blur. In the second situation, you are conscious of what you do, and then the meaning sharpens the situation – you no longer brush your teeth, you start creating the meaning of it. I would call this a psychological definition of performing – you know that what you do is more than the act itself.“Adam Łuczak
 

In diesem Sinne hätten die Polizeikontrollen zweifelsfrei das Zeug dazu, künstlerische Performance zu sein und gesellschaftliche Bedeutungen zu hinterfragen – es fehlt nur das Bewusstsein der Beteiligten, dass sie eine ebensolche sind.

Alle Namen bis auf Annett Jarewski, Thomas Bartling, Adam Łuczak und Katarzyna Borelowska von der Redaktion geändert. In anderer Form ist der Artikel vor wenigen Tagen auf Thump erschienen.